Sotschi vor der Zerreißprobe

Grafik: Rolf Hohl

Terroranschläge, soziale Unruhen und ökologische Belastungen bedrohen Sotschi als Austragungsort der Olympischen Winterspiele in knapp einem Jahr. Darunter leidet vor allem die Bevölkerung.

Von Rolf Hohl

 

 

Von der Unbeschwertheit alter Tage ist in Sotschi nicht viel übrig. Einst war die Stadt am Schwarzen Meer Erholungsort für Kremlchefs. Breschnew nahm hier seine Schwefelbäder, Jelzin versteckte sich vor der Öffentlichkeit und Putin besuchte das nahegelegene Skigebiet. 2014 werden in dem ehemaligen Kurort die Olympischen Winterspiele stattfinden. Politisch ist die Austragung an diesem Ort brisant und für die über 340’000 Bewohner der Stadt ein Martyrium.

Sotschi liegt gerade einmal 20 Kilometer von der abtrünnigen Republik Abchasien entfernt. Die nach Unabhängigkeit strebende Region war im August 2008 Schauplatz des Krieges zwischen Russland und Georgien. Übrig blieb ein ethnisch-territorialer Konfliktherd, der jederzeit wieder aufzuflammen droht. Im Mai 2012 hatte der russische Inlandsgeheimdienst FSB in Abchasien Waffen und Anschlagspläne gegen das Olympiagelände sichergestellt, wie die Nachrichtenagentur Itar-Tass berichtete. Bereits 2010 warnte Aleksandr Bortnikow, Leiter des FSB, vor terroristischen Bedrohungen für die Olympischen Spiele. Der russischen Regierung ist bislang aber nicht viel daran gelegen, die Bewohner der Grenzregionen zum Kaukasus effektiv zu schützen. Nach Bombenanschlägen, wie etwa auf den Flughafen Domodedowo in der Nähe von Moskau, folgen höchstens Schuldzuweisungen und letztlich der Ruf nach Vergeltung. Um den Spielen ein sicheres Umfeld zu garantieren, wird Moskau sich der geopolitischen Situation im Kaukasus stellen müssen

Geopolitischer Krisenherd

In einer massiven Militäroperation waren darauf über 30’000 Soldaten nach Sotschi verlegt worden, wo sie mit Hubschraubern, Panzern und schwerer Artillerie Jagd auf mutmaßliche Terroristen in Dagestan machen. Die russische Teilrepublik grenzt an das frühere Kriegsgebiet Tschetschenien, wo nach Angaben des Innenministeriums allein 2011 über 680 Menschen bei Kämpfen und Anschlägen ums Leben gekommen sind. Experten kritisierten dennoch die Verlegung zusätzlicher Truppen in das schwer zugängliche Gebiet, weil diese für den Kampf gegen zersplitterte Gruppen nicht ausgebildet seien. In der Tat ist in Dagestan seither keine Verbesserung der Situation erkennbar. Die religiösen Konflikte zwischen Sufis und Wahhabiten – den Angehörigen zweier islamischen Glaubensströmungen – gipfelten kürzlich im tödlichen Attentat auf den Sufi-Führer Said Afandi und fünf seiner Gefolgsleute. Bis heute erschüttern fast täglich Anschläge durch islamistische Rebellen und Vergeltungsaktionen der Polizei die Region.

Zur unsicheren Lage in den angrenzenden Gebieten kommen strukturelle Probleme der Stadt Sotschi. Die mit dem Internationalen Olympischen Komitee (IOK) vereinbarten Umweltschutzmaßnahmen werden bei den Bauprojekten weitgehend ignoriert. Stattdessen wurde im nördlichen Stadtgebiet die Müllhalde vergrößert und der Zugang für Journalisten und Aktivisten erschwert. Für die Umweltorganisation Eko-Wachta ist dieses Vorgehen exemplarisch. Sie kritisiert die Auflösung des Umweltministeriums und deren Eingliederung als Unterabteilung im Ministerium für Bodenschätze. Dies zeige eindeutig die Prioritäten der Regierung.

Systematische Ausbeutung von Gastarbeitern

Sergej Below, Chefredakteur einer der wenigen unabhängigen Zeitungen in der Region, hat noch weitere Bedenken: „Sotschi liegt in einer seismisch aktiven Zone – die Erde bebt hier ständig. Sollte es zu einem stärkeren Beben kommen, werden die neuen Wohnkomplexe wie Kartenhäuser zusammenfallen. Nicht von ungefähr durften früher alle Gebäude nicht mehr als fünf Etagen haben.“ Berücksichtigt wurde dies bei den in aller Eile aus dem Boden gestampften Bauten nicht. Seit Beginn der Arbeiten wurden dagegen über 1000 Familien zwangsenteignet und umgesiedelt, um Platz zu schaffen für die milliardenschweren Infrastrukturprojekte. Arbeit für die Einheimischen bringen die Olympia-Bauten indes auch nicht, weil die ausführenden Konzerne bevorzugt Gastarbeiter aus dem Kaukasus und Zentralasien beschäftigen. Nach Angaben von Human Rights Watch seien viele Fälle von Ausbeutung jeglicher Art bekannt. So seien etwa Lohnzahlungen ausgeblieben oder Arbeitern nach ihrer Ankunft die Pässe abgenommen worden. Ohne Ausweise seien die Männer den Firmen ausgeliefert und müssten infolge häufig unbezahlte Arbeit verrichten.

Zu leiden hat die Bevölkerung auch unter der extrem gestiegenen Verkehrsbelastung, die sich täglich dem völligen Kollaps nähert. Hinzu kommen steigende Lebenshaltungskosten und Wohnungsmietpreise in einer Höhe, wie sie sonst in Moskau üblich sind. Für die meisten Bewohner sind die Olympischen Spiele und die Vorbereitungen darauf alles andere als ein Segen. Aber im Gegensatz zu den künftigen Gästen müssen sie auch in Zukunft noch mit den Folgen der Großbaustelle Sotschi leben.