„Ich verliere mich gerne in Sounddetails“

Der Produzent Henning Verlage in seinem Studio in Senden. Foto: Vera Brüssow

Der Produzent Henning Verlage in seinem Studio in Senden. Foto: Vera Brüssow

Der Musikproduzent Henning Verlage (37) aus Greven bei Münster hat es geschafft: aus der Kleinstadt auf die großen Bühnen als Keyboarder bei Unheilig. Im Interview mit Teleskop erzählt uns der Musiker, wie er es geschafft hat Produzent für bekannte Künstler wie Helene Fischer oder Beatrice Egli zu werden, wie er Mitglied bei Unheilig wurde und wie es nach dem Ende der Band für ihn  weitergeht.

Von Vera Brüssow

Hallo Henning, du hast nach deinem Abitur Musik in Enschede studiert. Wann begann deine Produzentenkarriere?

Henning: Der technische Teil des Produzierens begann schon vor meinem Studium. Ich habe in einer Schülerband Keyboard gespielt. Da ich einen Computer hatte, war ich automatisch für Demoaufnahmen verantwortlich und habe mich mit anderen Instrumenten und dem gesamten Sound auseinandergesetzt. Die Business Produktion begann während des Studiums, ich habe viel in anderen Studios gearbeitet und Musik auf dem Keyboard eingespielt.

Du hattest dein Studio früher in deinem Elternhaus in Greven. Seit wann hast du deine Räume hier in den Principal Studios in Senden?
Henning: Seit 2010 habe ich mein Studio hier. Nach und nach ist mein Kinderzimmer aus allen Nähten geplatzt und es war merkwürdig, als sich erste Plattenfirmen für Besuche ankündigten. Ich habe Kunden am Flughafen Münster-Osnabrück abgeholt und bin mit ihnen in mein Kinderzimmer gefahren. Da dachte ich: Jetzt wird es Zeit für Veränderungen.

Seit 2006 bist du Keyboarder und Produzent bei Unheilig. Wie kam es zur Zusammenarbeit?
Henning: Die Band Neuroticfish war ein Projekt, bei dem ich während des Studiums eingestiegen bin. Die Band war beim gleichen Management wie Unheilig. Vor ein paar Jahren stand der Graf ohne Band da und ich bin für ein paar Termine eingesprungen. Es hat direkt musikalisch und menschlich gepasst. Ich bin kleben geblieben und immer tiefer in das Projekt eingebunden worden. Die Produktion fing mit Remixen und der technischen Vorbereitung von Auftritten an. Danach begann auch das Songwriting.

Du warst vor Unheilig Mitglied in anderen Bands und hast nebenbei produziert. Was macht dir mehr Spaß?
Henning: Ich war schon immer der Studio-Typ. Ich mag es stundenlang vor dem PC zu sitzen und an Songs zu feilen. Ich kann viel experimentieren und habe die Ruhe vieles auszuprobieren. Ich war immer schon der, der sich gerne in Sounddetails verliert. Live muss immer alles glatt laufen. Wenn die Technik nicht stimmt, muss man sofort reagieren können. Die Studioarbeit profitiert sehr von den Auftritten. Ich möchte weder Studioarbeit, noch Livetermine missen. Die Kombi aus beidem ist super!

Wie lief die Planung für ein Album mit dem Grafen ab?
Henning: Es gibt generell viele verschiedene Wege. Auf Tour hatte ich beispielsweise immer meinen Computer dabei und konnte die Wartezeit bis zum Showbeginn nutzen, um an neuen Ideen zu arbeiten. Wir haben oft Grundstimmungen aufgenommen. Der Graf kam mit einer Idee, die er im Radio oder auf alten Platten gehört hat und wir haben versucht ein ähnliches Feeling zu erzeugen. Er war auch immer mit seinem Notizbuch oder iPad ausgestattet und konnte spontan Notizen für neue Songtexte machen. Durch das Hantieren mit Sounds kamen wir immer wieder auf neue Ideen – und so wachsen Lieder zusammen. Songs und Playbacks konnten innerhalb von wenigen Tagen fertig sein, aber es kam auch vor, dass es Titel nicht auf ein Album geschafft haben, weil sie nicht ins Konzept passten.

Wie kommt es zur Zusammenarbeit mit anderen Künstlern?
Henning: Es ist wichtig nicht mit Scheuklappen durch die Gegend zu laufen. Wenn man auf Tour ist oder auf Festivals spielt, kommt man schnell mit anderen Musikern in Kontakt. Im Musikbusiness geht nichts über persönliche Kontakte. Durch Gespräche mit anderen Bands entstehen Ideen und oftmals neue Projekte. Dadurch wächst das Netzwerk automatisch. Es ruft niemand an, weil man in den Gelben Seiten steht.

Am 13. Mai beginnt die „Zeit zu gehen“-Tour. Wie bereitet ihr euch auf eure Abschlusstournee vor?
Henning: Wir legen im Vorfeld eine Setlist fest. Es werden Videowalls installiert und ich baue im Studio die Übergänge zusammen. Wir nehmen die Konzertbesucher mit auf eine musikalische Reise. Unsere ersten Proben laufen wie ein Musical, dort wird auch festgelegt, wer wann und wo steht. Gerade, wenn wir in großen Hallen spielen, sind die Distanzen auf der Bühne riesig. Dann kann es nur funktionieren, wenn vorher alles gut geplant ist.
Wir spielen immer nur zwei bis drei Shows nacheinander und fahren danach für ein paar Tage zu unseren Familien, um Abstand zu gewinnen. Unser Graf schwitzt während einer Show so viel, dass er danach zwei Kilogramm weniger wiegt. Er braucht die Pausen ganz besonders.

Wie geht es nach dem Ende von Unheilig für dich weiter?
Henning: Wir haben unsere Band Neuroticfish reaktiviert, bisher ist das aber mehr Hobby, um mich musikalisch auszutoben. Ansonsten habe ich neben Unheilig sehr viele andere Projekte durch alle Genres hinweg geleitet. Durch das Unheilig-Management bin ich in viele Projekte eingebunden, beispielsweise Songwriting für Helene Fischer oder Beatrice Egli. Ich gebe Musikworkshops und Vorlesungen für Popularmusik an der Uni Münster. Die Woche ist immer gut gefüllt. Ich falle auf keinen Fall in ein Loch, wenn Unheilig beendet ist. Ich freue mich darauf an vielen weiteren Projekten arbeiten zu können.